Das Verschwinden der Lehrer – ein Stück in vier Akten

von Christine Staehelin*

(5. Juni 2026) Lehrer verkörpern die Sache. Sie stehen für die Inhalte ein. Es ist ihre Aufgabe, Kultur und Tradition weiterzugeben, damit Neues entstehen kann. Dies erfordert neben dem Wissen vor allem pädagogische sowie methodisch-didaktische Fähigkeiten.

Christine Staehelin.
(Bild zvg)

Lehrer können grosse Vorbilder sein oder das Gegenteil. Sie können ermutigen oder entmutigen, ernst genommen oder lächerlich gemacht werden. Als Gegenüber im pädagogischen Kontext spielen sie immer eine Rolle, doch diese ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend von der Bühne gedrängt worden. Wir bringen den Beitrag von Christine Staehelin, den sie an der Medienkonferenz der Gruppe Bildungswende gehalten hat.

Das Verschwinden der Stimme

In den Neunzigerjahren beginnen zunehmend Politiker über die Schule zu sprechen. Dabei werden die Lehrer kaum einbezogen. Wagen sie Einwände gegen die geplanten Reformen, die durchaus professionell begründet sind, wird ihnen das Ewiggestrige vorgeworfen. Ihre Rolle im bildungspolitischen Diskurs wird zu jenen von Statisten. In Bezug auf das Lehren bleiben sie aber die wichtigsten Akteure, wie die Forschung auch aktuell immer wieder betont.

Das Verschwinden im Hintergrund

In den Nullerjahren wird die Rolle auch im schulischen Kontext neu geschrieben. Lehrer sollen nicht mehr in erster Linie lehren, wie es die Bezeichnung vermuten liesse, sondern die Sache in Form von so genannten Lernumgebungen vorbereiten. Es geht nicht mehr darum, das Wissen persönlich weiterzugeben, sondern dieses in Aufgaben zu transformieren, welche die Schüler dann selbstorganisiert bearbeiten. Dabei bleiben die Lehrer als Organisatoren und Coaches im Hintergrund. Dies hat nicht nur einen Sinnverlust für die Lehrertätigkeit zur Folge, sondern auch für das Wissen, das zu Aufgaben degradiert wird. Es ist damit befreit vom Sinn, welcher ihm die Lehrerin durch ihre Begeisterung und ihre Leidenschaft für die Sache zuvor verleihen konnte. Lehrer verkörpern das Wissen in ihren Köpfen und geben ihm seine Bedeutung. Deshalb müssen sie als Handelnde im Vordergrund stehen, um ihrer Rolle gerecht zu werden.

Das Verschwinden hinter dem Bildschirm

Im zweiten Jahrzehnt gewinnen die Bildschirme an Einfluss. Die Digitalisierung der Aufgaben verspricht adaptives, individuelles Lernen und unmittelbare Rückmeldung. Die Sache ist digital aufbereitet. Die Tätigkeit des Lehrers beschränkt sich auf das Lösen oder Weiterdelegieren von IT-Problemen, das Überwachen der Bildschirme der Schüler, das gelegentliche Zusammensitzen vor dem Bildschirm, wenn der Schüler nicht weiterkommt und das Lesen der Evaluationen.

Die direkten Interventionen mit den Schülerinnen begrenzen sich oft auf das Disziplinarische – das so genannte Classroom-Management. Doch jedes Unterrichten vereint immer alles: Das Vermitteln von Wissen, das Ermöglichen von Verstehen, das Einstehen für die Sache, die Stärkung des Gemeinsinns mit dem Ziel der Autonomie. Diese interpersonale Angelegenheit lässt sich nicht an Bildschirme delegieren. Deshalb muss das Lehren seine personale Dimension zurückgewinnen.

Der Ersatz durch die künstliche Intelligenz

Auf den Ersatz der Lehrer durch die Bildschirme folgt nun der Ersatz des Wissens durch die künstliche Intelligenz. Weder die Präsenz noch das Wissen des Lehrers ist vonnöten, von Lehren wird nicht mehr gesprochen. Der Chatbot weiss es besser. Damit wird die Rolle der Lehrperson grundsätzlich in Frage gestellt. Manchmal wird an die Bedeutung der pädagogischen Beziehung erinnert. Doch im pädagogischen Kontext der Schule gibt es keine Beziehung ohne den Bezug zur Sache. Es ist die Lehrerin, die dem Wissen seine Bedeutsamkeit vermittelt als etwas, was es zu verstehen gilt, wozu sie anleitet, wobei sie hilft, worauf die Schüler letztlich vertrauen können.

Die Bildungspolitik muss daher die pädagogische Verantwortung der Lehrer stärken, ihre Rolle als Vermittler sichern und technische Mittel dem Bildungsauftrag unterordnen, statt ihn an diese auszulagern.

Das Lehren und das Wissen an eine Maschine zu delegieren, nimmt dem Beruf des Lehrers, aber auch der Institution der Schule ihren Sinn. Dieser Verlust ist in erster Linie für die Schüler bedeutsam. Sie sind angewiesen auf Orientierung. Bildung entsteht im gemeinsamen Verstehen, nicht im Abruf von Information. Ohne Lehrer bleibt das Wissen bedeutungslos. Die Bildungspolitik muss daher die pädagogische Verantwortung der Lehrerinnen stärken, ihre Rolle als Vermittler sichern und technische Mittel dem Bildungsauftrag unterordnen, statt ihn an diese auszulagern.

Wo der Lehrer verschwindet, verliert die Schule ihr Zentrum. Bildung braucht Personen, die für die Sache einstehen, Verantwortung übernehmen und Orientierung geben. Soll Schule mehr sein als Informationsverwaltung, muss die Lehrerin wieder sichtbar, hörbar und wirksam werden – damit die Kinder und Jugendlichen nicht allein gelassen werden.

* Christine Staehelin, geboren 1963, ist Primarlehrerin mit Master in Erziehungswissenschaften und Autorin. Sie ist seit 2021 Mitglied des Erziehungsrats des Kanton Basel-Stadt und Leiterin der Fachgruppe Bildung der Grünliberalen Basel-Stadt.

Quelle: https://lvb.ch/wp-content/uploads/2026-04-27_MK-Wendepunkt-Bildung_Statements-Referierende.pdf

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