Buchbesprechung: «Tagebuch aus Gaza»
«Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht gewusst.»
Bericht einer Kinderpsychologin über ihren Einsatz in Gaza
von Georg Koch*
(3. Juli 2026) Katrin Blatz Brubakk ist eine deutsch-norwegische Kinderpsychologin, die sich auf Traumata spezialisiert hat. Seit 2014 war sie an verschiedenen Orten immer wieder für «Ärzte ohne Grenzen» im Einsatz. Gaza war ihr erster Einsatz direkt in einem Kriegsgebiet. Entsprechend strikt mussten die Regeln eingehalten werden:
«Begib dich ohne Begleitung eines Wachmanns niemals ausserhalb der Mauern.» – «Trage immer die weisse Weste von Ärzte ohne Grenzen.» – «Verlasse die Strasse nie für mehr als maximal 50 Meter.»
Sich selbst so in Gefahr zu begeben, um anderen zu helfen, erfordert ganz offensichtlich eine ordentliche Portion Mut und Mitmenschlichkeit, die sie in ihrem Tagebuch eindrücklich dokumentiert.
Im August und September 2024 sowie im Winter 2025 war es ihr noch möglich, jeweils fünf Wochen im Nasser Krankenhaus in Khan Younis im Süden des Gazastreifens traumatisierten Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern durch ihre mitfühlende Anteilnahme zu helfen.
Seit dem 1. März 2026 hat die israelische Besatzungsmacht – trotz dem Protest internationaler Organisationen und von 20 europäischen Aussenministern1 – 36 Hilfsorganisationen verboten, die dringend benötigte Hilfe zu leisten. «Ärzte ohne Grenzen» schreibt:
«Wichtiges medizinisches Equipment, Medikamente und Ersatzteile für Wasseraufbereitungsanlagen werden zurückgehalten, darunter Material für Amputationen, Desinfektionsmittel, Wasser und Treibstoff für Dialysegeräte. 18 500 Menschen warten auf eine dringende medizinische Evakuierung, weil sie im Gazastreifen nicht mehr behandelt werden können.»
Katrin Blatz Brubakk beginnt ihr Tagebuch mit den Sätzen:
«Ich habe den Klang des Krieges gehört. Nicht in Form von Bombenexplosionen, sondern als alarmierende, raue Angstschreie traumatisierter Kinder. Schreie, die so durchdringend und schmerzhaft sind, als verkörperten sie das gesamte Leid Gazas. Seit über einem Jahr leben die Kinder in der Angst, zu sterben oder jemanden zu verlieren, den sie lieben. Viele von ihnen waren dem Tod bereits sehr nahe.»
Es ist ein Bericht, der einem unter die Haut geht, ein Buch, das ich immer wieder weglegen musste, weil mich die Tränen übermannten. Aber man erfährt ein wenig von der Realität, der die palästinensische Bevölkerung Tag für Tag ausgesetzt ist, und die sie Tag und Nacht aushalten müssen.
Feinfühlig beschreibt sie ihre täglichen Begegnungen mit den Kindern und ihren Angehörigen auf der orthopädischen Station des Nasser Krankenhauses.
Um das Infektionsrisiko unter den dort gegebenen Umständen zu mindern, müssen Knochenbrüche von aussen fixiert werden – mit sogenannten Ex-Fix – und können nicht in Operationen mit Metalleinsätzen stabilisiert werden. Das Ex-Fix sieht aus wie ein kleines Gerüst, das aus Armen, Beinen und Hüften herausragt. Frau Blatz Bubakk ist es ein Anliegen, den vom Krieg traumatisierten und schwer verletzten Kindern und ihren Eltern und Angehörigen zu helfen, den Lebensmut nicht zu verlieren und wieder ein wenig Zukunftshoffnung zurückzugewinnen. Trotz der Sprachbarriere gelingt es ihr in dieser Extremsituation, Zugang zu den Kindern und ihren Eltern zu finden.
«Am Ende des Flurs auf der anderen Station liegt unsere jüngste Patientin. Sie ist zweieinhalb Jahre alt, hat grosse Augen, lange Wimpern, und ihre lockigen Haare sind zu einem süssen kleinen Pferdeschwanz gebunden. Als ich komme, sitzt sie im Bett und spielt mit einer Tante. […] Sie wurde schnellstens hergebracht, nachdem eine Wand auf sie gestürzt war. Als sie aus dem Operationssaal geschoben wurde, waren beide Beine amputiert. Seit ihrer Aufnahme hat sie das Zimmer nicht verlassen, […].»
Frau Blatz Brubakk versuchte nun, nachdem die äusserlichen Wunden etwas verheilt sind, das Mädchen und ihre Eltern zu ermutigen, sich trotz ihres schlimmen Schicksals zurück ins Leben ausserhalb des Patientenzimmers zu trauen.
«Das kleine Mädchen schaut mich skeptisch an. Ich bin die seltsame Frau mit blasser Haut, blondem Haar und ohne Hidschab. Ausserdem spreche ich merkwürdig. Sie lehnt sich an ihren Vater, als suchte sie Sicherheit, und dabei werden die beiden Beinstümpfe unter dem Kleid sichtbar. Ein Bein ist fast bis zur Hüfte amputiert, das andere knapp unter dem Knie. Die Mutter, die neben ihr sitzt, hat beide Arme von den Fingerspitzen bis zu den Schultern in Gips.
Wie gewohnt versuche ich, durch Lächeln, Grimassen und Albernheiten Kontakt aufzubauen. Aber erst als ich Seifenblasen hervorhole, wird das Mädchen neugierig. Wir pusten ein paar Blasen im Zimmer, bevor wir uns langsam in Richtung des Gartens bewegen. Sie ist weiterhin in den Armen ihres Vaters, wirkt aber unsicher und will sicherstellen, dass die Mutter auch dabei ist. Als sie sieht, dass die Mutter mitkommt, pustet sie fröhlich weiter Blasen. Sie lächelt und kann von diesem Spiel nicht genug bekommen. Der Vater wird immer sicherer, dass es ihr gut geht, und schwingt sie in die Luft, um die Blasen zu erwischen. Eine nach der anderen platzen sie, und schliesslich lacht sie herzlich, so wie nur Zweijährige lachen können.
Das Lachen wirkt ansteckend auf die Umstehenden. Einige schauen auf und lächeln, ein paar andere kommen näher, weil sie dabei sein möchten. Dieses sorgenfreie Erlebnis mit diesem kleinen Kind zu teilen, wirkt wie eine Vitaminspritze für uns alle. Solange Kinder lachen können, gibt es Hoffnung.»
Ein herzliches Verhältnis konnte die Autorin auch zu ihren palästinensischen Kolleginnen und Kollegin aufbauen. Während die ausländischen Hilfskräfte in einem relativ geschützten Haus übernachten konnten und immer von unter internationalem Schutz stehenden Fahrzeugen zum Nasser Krankenhaus gefahren wurden, mussten ihre einheimischen Kollegen in ihren Flüchtlingszelten oder -behausungen überleben. Morgens an ihrem elften Aufenthaltstag berichtete die Laborleiterin Hanan der Autorin:
«Es fühlte sich an, als ob gestern Nachmittag der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre. Sie haben ihre Bomben direkt neben unserem Zelt abgeworfen […]. Meine absolut friedlichsten Momente waren, als ich mich vor dem Krieg auf das Dach meines Hauses legte und die Sterne betrachtete… Daran dachte ich, als ich heute Nacht meinen erschöpften Körper schwer auf den heissen Sand neben meinem Zelt legte.
Diesmal folgten meine Augen den dröhnenden Drohnen, die am Himmel kreisten, oft begleitet von Blitzlichtern, wenn Raketen durch die Luft flogen, gefolgt von tiefem Grollen. Ich hatte mich beeilt, sicherzustellen, dass alles in Ordnung war: Jedes meiner Kinder hatte seine ID-Karte, ein Handy und 200 Schekel bei sich, falls wir in verschiedene Richtungen fliehen müssten.
Ich war anständig gekleidet und hatte den Hidschab an, für den Fall, dass ich getötet würde. Kurz dachte ich, ich sollte schon mal meine einzigen Schuhe anziehen, da ich vielleicht keine Zeit hätte, sie noch überzustreifen, wenn wir angegriffen würden. Aber ich war zu müde dafür.
Ich wandte meinen Kopf, um die beiden Fahrräder zu überprüfen, an die wir einen Gaszylinder, Batterien, einen Ventilator und ein Solarpanel festgeschnallt hatten. Wir brauchten keine Matratzen mitzunehmen, da wir beim letzten Mal, als wir evakuiert wurden, weder Zeit noch die Kapazitäten hatten, sie mitzubringen. […]
Ich rezitierte einige Koranverse mit tiefen Glauben an Gott. Es wurde eine lange Nacht des Wartens auf die nächste ‹Überraschung›, die kommen musste.
Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Glück ist oder nicht, dass wir noch am Leben sind. Aber ich bin sicher, dass wir alle zu leeren Körpern mit tief traumatisierten Seelen geworden sind.»
In ihrem Epilog von Juli 2025 schreibt Katrin Glatz Brubakk:
«Jetzt töten die Bomben dreifach. Zuerst direkt durch die Einschläge. Einige sind so stark, dass alles – ganze Gebäude, Betten, Einrichtungen, Spielzeug und auch Menschen – pulverisiert wird oder Kinder so stark verkohlen, dass sie schwer zu identifizieren sind. Aber sie töten auch indirekt. Der Mangel an Medikamenten und medizinischen Material ist schon lange gravierend, aber nachdem das Medikamentenlager des Nasser-Krankenhauses bombardiert worden war, bezeichnet der Krankenhausdirektor dies als ein Todesurteil für einen Teil der Patientinnen und Patienten.
Meine Kolleginnen und Kollegen müssen Menschen sterben lassen, die sie hätten retten können, weil es an allem mangelt. Medikamente, Skalpelle zum Operieren, Bandagen und Blutkonserven für Blutübertragungen. In der Notaufnahme gibt es jetzt eine Ecke, wo schwer verletzte Kinder zum Sterben untergebracht werden. Kinder, die unter normalen Umständen hätten weiterleben können.
Die Bomben sorgen aber auch dafür, dass uns Personal fehlt. Über 1400 Helferinnen und Helfer wurden während des Krieges, Stand Juni 2025 – getötet. Einige von ihnen wurden sogar hingerichtet, mit einem Schuss in den Nacken. Das gesamte Gesundheitssystem ist buchstäblich in die Knie gezwungen. Da wirken ein paar Lastwagen mit sterilen Handschuhen und Verbandsmaterial wie ein Schlag ins Gesicht. Ich kann nicht begreifen, dass wir als Weltgemeinschaft, das zulassen. Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht gewusst.»
Katrin Glatz Brubakk: Tagebuch aus GAZA. Der Bericht einer Kinderpsychologin über Verlust, Traumata und Hoffnung, Verlag Westend, ISBN 978-3-98791-313-6, Neu-Isenburg, 2. Auflage 2025
| * Georg Koch, Sozialpädagoge FH, Redaktionsmitglied des «Schweizer Standpunkt». Er wuchs in einem Ort auf, in dem viele Kriegsversehrte aus dem 2. Weltkrieg in einem grösseren Heim untergebracht waren und arbeiteten. Später arbeitete er selber in Deutschland und der Schweiz in verschiedenen Heimen und Tageseinrichtungen über 30 Jahre mit Kindern, Jugendlichen und Behinderten. Die letzten 10 Berufsjahre wirkte er als Beistand im Kindes- und Erwachsenenschutz und ist nach seiner Pensionierung weiterhin in diesem Bereich tätig. |