Überlegungen zur «bewaffneten Neutralität»

von Suzette Sandoz,* Pully VD

(31. Juli 2026) Ein neutrales Land ist nicht glaubwürdig, wenn es keine glaubwürdige Armee hat. Doch zunächst muss man sich über den Begriff «glaubwürdige Armee» einigen. Dabei geht es nicht nur um militärische Kapazitäten, sondern auch – und vielleicht vor allem – um die Fähigkeit und den Willen, «bereit zu sein, sich selbst zu verteidigen».

Suzette Sandoz. (Bild
https://blogs.letemps.ch/
suzette-sandoz/)

Es geht also ebenso sehr um eine Geisteshaltung wie um technische Fähigkeiten. Seien wir ehrlich: Wir erfüllen derzeit keine der beiden Bedingungen, da wir seit Jahrzehnten von der Geisteshaltung geprägt sind, die in den Nato-Ländern herrscht (herrschte?). Die Nato, das war Uncle Sam, und man konnte beruhigt schlafen!

Bereit zu sein, sich selbst zu verteidigen, bedeutet nicht, andere und die Komplexität Europas zu ignorieren

Es bedeutet, in erster Linie für die eigene Sicherheit verantwortlich zu sein und das Risiko einer Bedrohung als neutrales Land so einzuschätzen, wie es im letzten Weltkrieg der Fall war. Bewaffnete Neutralität bedeutet nicht, die Realitäten zu ignorieren. Es könnte sich durchaus als notwendig erweisen, zu unserer eigenen Sicherheit mit anderen zusammenarbeiten zu können. Das ist eine besonders heikle Situation, denn das Ziel der Zusammenarbeit ist nicht, an einem Krieg teilzunehmen, der andere betrifft, nur um Solidarität zu zeigen und ein gutes Gewissen zu haben – mit dem Risiko, nichts zu bewirken. Die Zusammenarbeit muss vermeiden, eine Gefahr für andere Länder und für uns selbst zu vergrössern, indem wir zu einer Art «taktischer Lücke» in ihrer Gesamtverteidigung werden. Die Fähigkeit – je nach Situation –, uns gemeinsam mit anderen europäischen Staaten zu verteidigen, erfordert die Bereitschaft, mit ihnen auf militärischer Ebene zusammenzuarbeiten. Es erscheint daher logisch, dass wir militärische Kontakte zur Nato unterhalten, aber …

Wie immer, wenn es um Neutralität geht, liegt die Schwierigkeit darin, wie man kommuniziert

Es geht keineswegs darum, «sich der Nato anzunähern», wie man es oft liest und hört, sondern vielmehr darum, als neutrales Land darauf zu achten, weder unserer eigenen Sicherheit noch der Europas zu schaden. Kompatibles Material und gemeinsame Übungen können ein geeignetes Mittel darstellen – worauf wir bereits achten, wobei jedoch allzu oft unklar bleibt, inwieweit wir uns der Nato unterordnen. Es darf sich nur um eine Zusammenarbeit in konkreten Gefahrensituationen handeln, wie es in der Neutralitätsinitiative heisst, über die im kommenden September abgestimmt wird.

Neutralität muss bewaffnet sein, um glaubwürdig zu sein, aber sie muss auch ständig erklärt werden. Allerdings ist Kommunikation eine Kunst, in der unsere Politiker seit Jahren versagen. Wie kann man in einer binär gewordenen Welt ehrlich und differenziert sein? Es ist auch schwierig, Klarheit zu schaffen, wenn man mit der Wahrheit schummeln will. Die Haltung des Bundesrats und des Parlaments gegenüber der «Neutralitätsinitiative» ist äusserst beunruhigend. Wenn das Volk und/oder die Kantone sie ablehnen, wäre das Selbstmord, und die restliche Welt würde darüber lachen. Wenn beide sie annehmen, welches Vertrauen können wir dann unserer Regierung noch entgegenbringen?

Auf dass die eidgenössischen Wahlen 2027 Anlass für einen echten Neuanfang werden!

Quelle: https://suzettesandoz.ch/vous-avez-dit-neutralite-armee/, 16. Juli 2026

(Übersetzung «Schweizer Standpunkt»)

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